Jude Callahan

I'm not afraid of falling apart. I'm afraid I'll start calling it home.

Jude Callahan war nie besonders gut darin gewesen, sich in die Welt einzufügen. Vielleicht lag es an dem Elternhaus, in dem Türen knallten, Stimmen eskalierten und Stille selten etwas Gutes bedeutete. Vielleicht auch daran, dass er Geräusche anders wahrnahm als die meisten Menschen. Das leise Summen eines Verstärkers, das Kratzen eines Plektrums über die Saiten, das kaum hörbare Zittern in einer fremden Stimme. Jude nahm Dinge wahr, die andere übersahen, und hatte schon früh gelernt, dass man Menschen nicht unbedingt zuhören musste, um zu verstehen, wann sie logen. Manchmal reichte es, ihre Gesichter zu beobachten. Manchmal genügte es, auf den Moment zu warten, in dem ihre Stimme kippte. Dass er selbst irgendwann aufhörte, seine eigene Stimme benutzen zu können, war eine Ironie, über die er bis heute lieber schlechte Witze machte, als ernsthaft darüber zu sprechen. Es war ungefähr mit fünfzehn gewesen, nach einem weiteren Streit zu Hause, als er sich zwischen seine Eltern gestellt und versucht hatte, die Situation zu entschärfen. Danach war seine Stimme einfach verschwunden. Die Ärzte fanden keine eindeutige körperliche Ursache, doch für Jude machte das kaum einen Unterschied. Er konnte nicht mehr sprechen, jedenfalls nicht so, wie andere Menschen es taten. Stattdessen lernte er, sich mit Gesten, Notizen und irgendwann mit seinem Smartphone verständlich zu machen. Die Musik blieb ihm trotzdem. Vielleicht gerade deshalb. Eine Gitarre verlangte keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen und keine sorgfältig gewählten Worte. Sie verlangte nur, dass man etwas zu sagen hatte. Jude hatte mehr als genug zu sagen.

Aus dem Jungen, der sich am liebsten mit seiner Gitarre in irgendeinem Zimmer eingeschlossen hätte, wurde irgendwann ein Musiker, dessen Songs Menschen erreichten, die er persönlich wahrscheinlich nicht einmal leiden konnte. Seine Karriere verlief nicht geradlinig, aber sie führte ihn schließlich nach Sydney, wo sich aus kleinen Auftritten, langen Nächten und den üblichen Versprechen einer Branche, die mit Träumen handelte, eine ernst zu nehmende musikalische Laufbahn entwickelte. Jude war nie der unkomplizierte Typ gewesen, den man bedenkenlos auf jedes Pressefoto setzte. Er war talentiert, eigensinnig, schnell gereizt und mit einem Humor ausgestattet, der gelegentlich mehr Schaden anrichtete als seine Fäuste es vermutlich gekonnt hätten. Er konnte auf einer Bühne stehen und einen ganzen Raum in seinen Bann ziehen, während er sich abseits davon schwertat, eine gewöhnliche Unterhaltung zu führen. Seine Texte waren ehrlich, manchmal unangenehm ehrlich, und handelten von Dingen, die andere lieber hinter verschlossenen Türen ließen. Von kaputten Familien, falschen Versprechen, Selbsthass, Wut und diesem merkwürdigen menschlichen Talent, sich immer wieder genau das Leben aufzubauen, aus dem man eigentlich fliehen wollte. Dass seine Musik Menschen berührte, verstand Jude durchaus. Dass sie ihn zu einem Künstler machte, den andere besitzen, formen oder vermarkten wollten, verstand er noch weniger. Er hatte ohnehin wenig Geduld für Menschen, die glaubten, Geld oder Einfluss gäben ihnen das Recht, über andere zu bestimmen. Leider bedeutete das nicht, dass er sich von ihnen fernhalten konnte. Die Musikindustrie war schließlich voll von Leuten, die einem mit einem Lächeln das Messer reichten und anschließend beleidigt waren, wenn man bemerkte, dass es blutete.

Mit wachsendem Erfolg kamen Verpflichtungen, Bekanntschaften und Gefallen, die irgendwann nicht mehr ganz so harmlos waren, wie sie anfangs geklungen hatten. Jude war nie darauf aus gewesen, in irgendwelche kriminellen Machenschaften hineingezogen zu werden. Er hatte weder den Ehrgeiz noch die besondere Begabung dafür, sich in den richtigen Kreisen beliebt zu machen. Doch Loyalität war eine seiner wenigen Konstanten, und genau das machte ihn anfällig. Er half, wenn jemand aus seinem Umfeld in Schwierigkeiten geriet. Er stellte Fragen, die er besser nicht gestellt hätte, und hielt den Mund, wenn es klüger gewesen wäre, die Polizei einzuschalten. Aus einem Gefallen wurden zwei, aus einer kleinen Unregelmäßigkeit ein größeres Problem und irgendwann eine Situation, in der es kaum noch einen sauberen Ausweg gab. Jude redete sich ein, dass er die Dinge unter Kontrolle hatte. Er sagte sich, dass er jederzeit aussteigen könnte, wenn er nur wollte. Beides waren Lügen, die er mit genügend Sarkasmus garnierte, um sie beinahe glaubwürdig erscheinen zu lassen. Er schlief schlecht, trank gelegentlich mehr, als ihm guttat, und verbrachte viel zu viele Nächte damit, Songs zu schreiben, die er niemandem zeigte. Auf der Bühne konnte er all das in etwas verwandeln, das beinahe wie Stärke aussah. Hinterher blieb davon wenig übrig. Dann war er wieder der schweigsame Kerl mit den müden Augen, der fremde Stimmen zu laut, Stille zu schwer und Menschen im Allgemeinen für eine ziemlich enttäuschende Erfindung hielt.

Dass ausgerechnet ein Mann wie Gabriel Saint-Clair in dieser Phase seines Lebens auf ihn aufmerksam wurde, hätte Jude vermutlich als schlechten Scherz bezeichnet, wenn er gewusst hätte, wie viel Wahrheit darin lag. Gabriel bewegte sich in Kreisen, in denen Kunst nicht bloß Unterhaltung war, sondern Status, Einfluss und ein Mittel, Menschen an sich zu binden. Er verstand es, Talente zu entdecken, Karrieren zu fördern und sich als jemand zu präsentieren, der genau wusste, was in einem Menschen steckte, lange bevor dieser es selbst begriff. Jude hätte misstrauisch sein sollen. Tatsächlich war er es auch. Gabriel war zu kultiviert, zu ruhig und zu aufmerksam, als dass Jude sich in seiner Gegenwart jemals vollständig entspannen konnte. Gleichzeitig besaß der Mann eine irritierende Fähigkeit, ihn zu verstehen, ohne ständig Antworten von ihm zu verlangen. Er schien zu begreifen, dass Jude nicht weniger zu sagen hatte, nur weil er nicht sprach. Dass hinter seiner schroffen Art mehr steckte als bloße Unhöflichkeit. Und dass seine Musik etwas berührte, das sich nicht einfach auf Talent reduzieren ließ. Gabriel bot ihm keine gewöhnliche Karrierechance. Er eröffnete ihm eine Welt, von der Jude bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Eine Welt aus alten Namen, unsichtbaren Machtverhältnissen und Wesen, die sich hinter menschlichen Gesichtern verbargen. Jude hatte schon immer gewusst, dass Menschen grausam sein konnten. Dass manche von ihnen allerdings Jahrhunderte Zeit gehabt hatten, darin wirklich gut zu werden, war eine unangenehme neue Erkenntnis.

Die Verwandlung zum Toreador war kein sauberer Neuanfang und erst recht keine Erlösung. Jude starb als Mensch und erwachte in einer Existenz, die ihm zunächst wie eine besonders geschmacklose Pointe vorkam. Ein Mann, der seine Stimme verloren hatte, dessen Leben sich um Musik drehte und der Gefühle ohnehin schon intensiver wahrnahm als die meisten anderen, wurde in einen Clan hineingeboren, der Schönheit verehrte und Kunst beinahe als Religion betrachtete. Ausgerechnet er, der sich nie hatte vorschreiben lassen wollen, was seine Kunst zu bedeuten hatte, gehörte nun zu Wesen, die aus Leidenschaft Besitzansprüche machten. Als Toreador entdeckte Jude, dass seine Wahrnehmung noch schärfer geworden war. Musik konnte ihn überwältigen, kleinste Veränderungen in einer Stimme konnten ihn aus dem Gleichgewicht bringen, und die Schönheit eines Augenblicks konnte ihn ebenso gefangen nehmen wie die Grausamkeit, die darin verborgen lag. Es war, als hätte jemand die Lautstärke der Welt aufgedreht, ohne ihm einen Regler zu geben. Dazu kam der Hunger, der jede moralische Überzeugung auf eine harte Probe stellte. Gabriel Saint-Clair war nun sein Erzeuger, sein Lehrer und derjenige, der ihm den Zugang zu dieser neuen Welt eröffnet hatte. Ob er auch sein Beschützer war, musste Jude erst noch herausfinden. Gabriel schien in ihm mehr zu sehen als einen talentierten Musiker. Vielleicht erkannte er einen Künstler, dessen Schmerz seiner Kunst eine besondere Tiefe verlieh. Vielleicht glaubte er, in Jude etwas erschaffen zu haben, das sich nicht mit den üblichen Regeln seines Clans zufriedengeben würde. Jude selbst war sich nicht sicher, ob er sich darüber geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte.

Sydney blieb sein Zuhause, auch wenn sich die Stadt seit seiner Verwandlung auf eine Weise verändert hatte, die kaum jemand sonst bemerken konnte. Tagsüber gehörte sie den Lebenden, nachts denjenigen, die sich zwischen den Lichtern der Straßen, den Bars, den Clubs und den Schatten bewegten. Jude musste lernen, dass selbst in der Welt der Untoten nicht jeder offen aussprach, was er wollte, und dass ein freundliches Lächeln gelegentlich gefährlicher war als eine unverhohlene Drohung. Er war jung, unerfahren und weit davon entfernt, die Spielregeln der Kainiten zu verstehen. Sein Erzeuger mochte ihm Türen öffnen können, doch Jude hatte nicht vor, sich deshalb an eine Leine legen zu lassen. Er wollte seine Musik behalten, seine Entscheidungen selbst treffen und herausfinden, was von ihm übrig blieb, wenn man ihm alles nahm, woran er sich bisher festgehalten hatte. Dass er dabei vermutlich einige Fehler machen würde, war ihm durchaus bewusst. Er hatte schließlich schon als Mensch ein bemerkenswertes Talent dafür besessen, aus einer schlechten Situation eine noch schlechtere zu machen. Nun musste er lediglich darauf achten, dass seine Fehlentscheidungen nicht mehr nur ihn selbst das Leben kosteten. Wobei das mit dem Leben ohnehin eine Frage der Definition geworden war. Jude Callahan war kein Held, kein höflicher Sohn seines Clans und ganz sicher kein dankbarer Schützling, der seinem Erzeuger jeden Wunsch von den Augen ablas. Er war ein zynischer Troubadour mit Hang zu den falschen Entscheidungen, ein Rebell wider Willen und ein junger Toreador, der noch herausfinden musste, ob man in einer Welt voller Monster Menschlichkeit bewahren konnte, ohne daran zugrunde zu gehen. Immerhin hatte er jetzt alle Zeit der Welt, um es herauszufinden. Was für ein beschissener Trost.

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